seenotrettung – ein punk berichtet. 1.teil

Entnommen aus dem Archiv vom schwarzen Pfeil, Beitrag von NoBordersNavy.

never forget: don´t sail course 088°


„kapitän auf nem schiff zu sein, ist wie bass in ner punkband zu spielen – die anderen machen zwar die ganze arbeit, erzählen dir aber dauernd, wie wichtig du bist.“

aus den lautsprechern dröhnen NOFX, ich bin alleine auf der brücke und nutze diese seltenheit, um die musik aufzudrehen. wir fahren volle kraft in richtung eines schlauchbootes, auf dem die nächsten 150 armen seelen sitzen…

wir, das sind 15 freiwillige auf einem umgebauten fischkutter, unterwegs auf dem mittelmeer vor den libyschen hoheitsgewässern. die IUVENTA ist ein kanpp 35 meter langes, über 50 jahre altes schiff. gekauft von dem verein JUGEND RETTET, der sich ende 2015 gegründet hat, als ein paar jugendliche nicht mehr tatenlos zusehen wollten, wie europas regierungen tausende menschen im mittelmeer ertrinken ließen und lassen. die IUVENTA ist in den monaten von juli 2016 bis august 2017 zu 16 missionen gestartet, auf denen die verschiedenen crews mehr als 14000 menschen vor dem ertrinken gerettet haben. auf dreien war ich dabei.


ich bin mit inzwischen 39 jahren höchstens noch berufsjugendlicher; durfte aber trotzdem mit jugend rettet auf das mittelmeer fahren und zwar als nautiker. zweimal als steuermann, einmal als kapitän.


auf meiner letzten mission haben wir geholfen 3773 menschen zu retten. in zehn tagen. ich hab mich auf dem schiff oft gefragt, wie ich da eigentlich gelandet bin. aber es hat sich selten etwas so richtig angefühlt, was ich gemacht habe. ich arbeite (entschuldigt das böse wort) zwar seit 18 jahren auf schiffen, aber bin nie raus aufs meer gefahren. und ich mag keine menschen, inzwischen weniger denn je. wieso ich trotzdem eines tages in ein flugzeug nach lesvos gestiegen bin, um dort mit der NO BORDER KITCHEN für flüchtlinge zu kochen, frag ich mich immer noch manchmal. wir sind halt doch die guten. und warum sollten die menschen, die von europäischen staaten kaum als solche behandelt werden, warum sollten die darunter leiden, dass wir hier keine revolution gebacken kriegen. tun sie trotzdem. auf lesvos wurde mir schnell klar, dass ich das nicht nochmal machen würde – ich hasse kochen einfach zu sehr. leider wird hilfe überall gebraucht und so hab ich mir etwas gesucht, was mir näher lag. wenige monate später stach ich zum ersten mal in see. wir nahmen kurs von unserem stützpunkt auf malta richtung süden.


wenn wir ein fluchtboot in sichtweite haben, schicken wir unsere zwei kleinen schnellboote los. sie fahren mit rettungswesten bepackt zu dem boot und checken erst mal die lage. zustand des bootes, ungefähre personenzahl, ob es medizinische notfälle gibt und ob sie mit anderen booten zusammen gestartet sind, oder von welchen wissen. dann werden rettungswesten verteilt, das ist wichtig, falls das fluchtboot doch noch kentert. auf der IUVENTA besprechen wir uns derweil mit der rettungsleitstelle in rom, die koordinieren jeden einsatz vor der libyschen küste. diese leitstelle, im fachjargon MRCC, sagt uns, ob ein grösseres schiff in der nähe ist, das die flüchtenden aufnehmen kann, oder ob wir sie an bord nehmen sollen. unser schiff ist nicht für große menschenmengen ausgelegt. bis ungefähr 130 können wir gut an bord nehmen, dann wird’s langsam eng. das wetter spielt dabei eine wichtige rolle, je ruhiger die see, desto mehr können wir aufnehmen, trotzdem nicht für lange zeit oder weite strecken. wir sind also darauf angewiesen, dass uns das MRCC möglichst schnell ein schiff nennt, zu dem wir die geretteten bringen können. auf meiner letzten mission hatten wir tage, da waren so viele fluchtboote unterwegs, dass es dem MRCC einfach nicht möglich schien, ausreichend große fahrzeuge zur hilfe zu schicken. ich glaub die letzten zahlen nannten über 10.000 menschen, die in vier tagen gerettet wurden.

wie auch viele andere hatte ich fotos und videos von überfüllten schlauchbooten gesehen. aber, als ich so ein boot das erste mal live gesehen hab, hat es mich trotzdem entsetzt. darauf hatten mich auch 29 jahre deutschpunk hören nicht vorbereitet. ich musste mit den tränen ringen, meine hand war zur faust geballt. mir wurde klar, dass ich nicht mal eine ahnung davon hatte, was es heißt in einem albtraum zu leben, auch wenn ich es schon hunderte male mitgesungen hab. im laufe der drei missionen, auf denen ich war, habe ich geschichten gehört, die ich nicht für möglich gehalten hätte. wir haben menschen in erbarmungswürdigen zuständen getroffen. auf meiner ersten mission war bei hunderten menschen die ich getroffen habe, das einzige gepäckstück eine zahnbürste. nicht pro person, die anderen hatten alle einfach gar nichts. die schlimmsten zwei geschichten werde ich wohl nie vergessen. die erste ereignete sich an einem tag, an dem viel los war. sowohl wir, als auch andere schiffe hatten mehrere fluchtboote gefunden und evakuiert. wir erfuhren, dass auf einem der boote ein toter gefunden worden ist. das besondere an diesem war, dass sein todeszeitpunkt mehrere stunden zurück lag. als das schlauchboot noch am strand lag, die flüchtenden waren schon darauf zusammengepfercht, ging plötzlich einer der schlepper zu einem mann hin und verlangte von diesem dessen cappy. der mann verweigerte die rausgabe, woraufhin der schlepper eine pistole zog und ihn erschoss. er nahm sich die mütze und das boot wurde auf das meer hinaus geschoben. ein anderes schreckliches schicksal hat eine frau erlitten, die auf der IUVENTA zu gast war. sie erzählte, dass sie in libyen mit ihrem baby eingesperrt wurde. sie war zu traumatisiert, um erzählen zu können, was ihr dort widerfahren ist. eines tages konnten sie fliehen, aber während sie um ihr leben lief wurde sie entdeckt. sie hörte wie ihr hinterher geschossen wurde, aber sie wurde nicht getroffen. sie hat überlebt, ihr baby auf ihrem rücken nicht. so viel zählen menschenleben in libyen.


wieviel in europa die menschenwürde wert ist, lernte ich auf meiner letzten mission. eines abends sichteten wir eine treibende leiche. als wir näher kamen sahen wir, dass sie schon mehrere tage tot sein musste. sie war aufgequollen und riechen konnten wir sie weiter als 50 meter. wir informierten die zuständige rettungsleitstelle in rom. solange wir nicht wussten, wohin der tote gebracht werden sollte, wollten wir ihn nicht an bord nehmen. in rom wollten sie nicht die verantwortung für diesen toten menschen übernehmen und verwiesen uns an eine andere leitstelle, die von malta. so umkreisten wir über vier stunden die leiche. inzwischen waren zwei weitere ngo schiffe vor ort, eines hatte ebenfalls eine leiche entdeckt. alle drei schiffe diskutierten per mail und satellitentelefon mit verschiedenen leitstellen. das ganze gipfelte darin, dass uns telefonnummern von der libyschen küstenwache gegeben wurden. mit dem rat wir sollen die leichen nach libyen bringen. wir waren fassungslos, das kam nicht in frage. diese menschen sind gestorben, bei dem versuch dieser hölle zu entfliehen. durch eigene recherche konnten wir rausfinden, dass einige tage vorher ein schlauchboot nahe dieser position gefunden worden war. auf diesem wurden drei menschen vermisst, sie waren ins meer gefallen. dadurch, dass sie zu diesem evakuiertem boot gehörten, war denn doch die leitstelle in rom zuständig und das andere schiff brachte beide nach italien.


solche, selbst für das mittelmeer tragischen geschichten, lassen einen manchmal fast vergessen, dass alles was an dieser tödlichsten grenze der welt geschieht einfach nur schlimm ist. mir selbst fällt das beim erzählen oft mehr an den reaktionen auf, die ich bei meinem gegenüber im gesicht sehe, als dass mir das selbst immer klar ist. das eigentlich jedes einzelne schlauchboot dort eine zum himmel stinkende ungerechtigkeit ist. diese boote gibt’s bei einem online versand für knappe 800 dollar, ich würd mal schätzen für eine „bequeme“ fahrt sollten da nicht mehr als 40 menschen drauf sein. wir treffen diese boote mit bis zu 150 leuten. die meisten besitzen nicht mehr als die klamotten, die sie anhaben. also oft ein zerissenes t-shirt und eine unterhose. ein halber liter wasser ist ihr proviant. sie haben nicht genug treibstoff dabei und sind so eingepfercht, dass sie sich nicht bewegen können. auf dem schiffsboden steht manchmal zentimeter hoch ein ätzendes gemisch aus benzin, salzwasser und menschlichen ausscheidungen. wenn sie glück haben werden sie nach 10 stunden gefunden, oft dauert ihre qual länger. oft werden die menschen auch auf holzboote gezwungen, die können dann bis zu 1000 menschen an bord haben, auf mehreren decks.

von der libyschen küste aus soll man die lichter einer ölplattform sehen können. die schlepper sagen den menschen, dass das italien sei. es sei nicht weit.


einmal mussten wir, mit fast 400 gästen völlig überfüllt, richtung norden fahren. manche waren am ende 36 stunden bei uns an bord und fuhren mit uns von einem einsatz zum nächsten. wir hatten in der zeit fast eine massenpanik an bord, weil wir richtung süden fahren mussten und unsere gäste dachten, dass wir sie zurück nach libyen bringen. zu dem haben wir an bord nur ein wc für unsere gäste und waren irgendwann so überfüllt, dass sich eh keiner mehr bewegen konnte. wir mussten so viele boote versorgen, dass wir zwischenzeitlich keinen blick mehr für die wasserversorgung unserer gäste hatten. ich werde nie die blicke dieser menschen vergessen. dehydriert, verzweifelt, mit dem leben abgeschlossen. ich saß auf der brücke, und an jeder fensterscheibe klebte eine stirn und zwei vorwurfsvolle und ansonsten leere augen starrten mich an.
der nächste morgen, wir fuhren immer noch überfüllt richtung norden, fing an, wie es nur auf dem mittelmeer möglich ist. ich lag erst wenige stunden in der koje (mein IUVENTA rekord liegt bei 91 stunden einsatz, mit drei einstündigen und einer zweistündigen schlafpause), als mich der diensthabende steuermann gegen sechs wecken ließ und meinte ich soll mal auf die brücke kommen. er glaubt mit dem fernglas ein schlauchboot auf uns zu kommen zu sehen. so standen wir beide auf der brücke, jeder mit nem fernglas in der hand, während ich ihm seine befürchtung bestätigte. auch ich sah, dass es eindeutig ein schlauchboot war. plötzlich guckten wir uns an und stellten fest, wir guckten in völlig verschiedene richtungen. da kamen zwei schlauchboote auf uns zu. in solchen momenten hilft nur noch hysterisches lachen. wir konnten natürlich keine menschen mehr aufnehmen, aber wir konnten eins der boote mit rettungswesten und wasser versorgen, während ein zur hilfe geschicktes schiff das andere boot als erstes evakuierte.


der einsatz endete damit, dass uns ein großes englisches kriegsschiff entgegen kam, um unsere gäste zu übernehmen und sie nach italien zu bringen. als sie das schiff sahen und wir ihnen erzählt hatten, was passieren wird, da haben alle 400 zusammen gesungen, getanzt, gelacht und geweint. ich glaub die crew eingeschlossen. von dieser fahrt kommt auch die überschrift mit den 088°, nicht nur wir fuhren richtung norden. mit uns waren die ebenfalls überladenen SEA-WATCH 2 und die SEA-EYE unterwegs. insgesamt hatten wir über 1000 gäste an bord. irgendwann meinte die SEA-WATCH am funk, sie müsse den kurs vorübergehend auf 084° ändern, wegen ihres satellitentelefones. ich konnt mir da einfach nicht verkneifen zu antworten mit „but don`t forget. never sail on course 088°“, was für einige verwirrung auf dem funkkanal sorgte. wie wahrscheinlich einige meiner funksprüche, aber was lassen sie auch einen dahergelaufenen punker aufgaben übernehmen, die eigentlich staatlich geregelt sein sollten.


während ich dies schreibe ist die IUVENTA immer noch von einer sizilianischen staatsanwaltschaft beschlagnahmt, wegen angeblicher zusammenarbeit mit schleppern und begünstigung der illegalen einreise. aber das ist eine andere geschichte, die noch nicht zu ende ist. ihr könnt euch im internet damit befassen. die IUVENTA von JUGEND RETTET. was sich nicht geändert hat, ist die situation vor ort. auch in den letzten wochen sind tausende menschen aus seenot gerettet worden, es sind wieder hunderte ertrunken, bei dem versuch das mittelmeer zu überqueren. über 2500 bisher dieses jahr, die dunkelziffer ist weit höher. das gebiet ist groß, und wie oft wir bei schlechtem wetter, an völlig unerwarteter stelle boote gefunden haben, da mag ich mir nicht ausmalen, von wie vielen toten die welt nie erfahren wird. und in libyschen lagern leiden die menschen. und jetzt haben wir uns nur mit einem kleinen teil dieser welt befasst, der libyschen küste und dem SAR-Gebiet (search and rescue) davor, ein ca. 40 km breiter meeresstreifen.

der grösste friedhof der welt.

(text von 2017. aber es ist eher schlimmer geworden an den aussengrenzen. erstmals abgedruckt in der Plastic Bomb)