Wie würde ein anarchistisches Programm aussehen?

Erstmals im Englischen veröffentlicht auf CrimethInc

In jeder Wahlkampfsaison veröffentlichen die politischen Parteien Wahlprogramme, in denen ihre Versprechen Punkt für Punkt detailliert aufgeführt sind. Diese Wahlprogramme sind nicht bindend – Politiker:innen halten ihre Versprechen selten, und es ist oft noch schlimmer, wenn sie es tun – aber sie bieten einen Überblick über die Vision, die jede Partei zu vertreten vorgibt. Anarchist:innen verfolgen einen anderen Ansatz: Anstatt einen vorgefertigten Bauplan anzubieten, schlagen wir vor, die Dinge gemeinsam, dynamisch, nach den Prinzipien der Selbstbestimmung, der Horizontalität, der gegenseitigen Hilfe und der Solidarität auszuarbeiten. Dennoch, immer wenn Menschen zum ersten Mal auf anarchistische Ideen stoßen, gibt es eine bestimmte Art Mensch, die immer eine klare Vorlage sehen will. Als Antwort darauf hat einer unserer Mitwirkenden ein Beispiel für ein anarchistisches Programm zusammengestellt – eine Reihe von Vorschlägen, die im Laufe einer Revolution in die Tat umgesetzt werden könnten – als eine phantasievolle Übung, um sich leichter vorstellen zu können, welche Art von praktischen Veränderungen Anarchist:innen anstreben könnten.

Um es klar zu sagen: Dieses Programm repräsentiert weder unser Kollektiv als Ganzes, noch die internationale anarchistische Bewegung. Es sollte so viele solcher Programme geben, wie es Anarchist:innen gibt. Während du dies liest, denke darüber nach, was mitschwingt und was nicht; denke darüber nach, welche Veränderungen du in der Welt machen willst und welche Mittel der Veränderung mit deinen Werten und Wünschen übereinstimmen.


Wie man dieses Programm benutzt

Was folgt, ist das Gegenteil eines gewöhnlichen politischen Programms. Es ist nicht in Stein gemeißelt; es gibt nicht vor, einen allgemeinen Willen, die Öffentlichkeit, ›das Volk‹ oder irgendeine andere Abstraktion darzustellen.

Anarchist:innen verstehen Freiheit als etwas, das aus einem fortlaufenden Prozess entsteht; sie ist etwas, das wir jeden Tag individuell und gemeinschaftlich erschaffen. Unserer Ansicht nach kann sie nicht über ein Stück Papier definiert oder uns von einer mächtigen Institution gewährt werden; jede dieser Praktiken zerstört tatsächlich die Freiheit. Wir glauben auch, dass die Definition und Erlangung von Freiheit für uns selbst der beste Weg ist, um unser Wohlergehen zu garantieren.

Anarchistische Analysen des Kapitalismus, des Staates, des Patriarchats und des Kolonialismus haben sich in unzähligen sozialen Kämpfen der letzten Jahrzehnte als nützlich erwiesen, ebenso wie unsere Kritik am Reformismus, der autoritären Revolution und der institutionellen Linken – und vielleicht am wichtigsten, unsere Praktiken der gegenseitigen Hilfe und Selbstorganisation. Anarchistische Kampfformen haben sich auch als kompatibel mit einer Reihe anderer Kämpfe erwiesen, die ihre Spuren in der Welt hinterlassen haben, sowie den Anarchismus als lebendiges Konzept beeinflusst und inspiriert haben.

Wir präsentieren kein Programm unter der Prämisse, dass wir einen Anspruch auf eine absolute Wahrheit erheben könnten, noch dass dieses Programm alle Visionen der Befreiung ansprechen könnte, mit denen wir solidarisch handeln. Auch wenn wir keine vollständige Vision vorlegen, müssen wir immer noch eine Vision formulieren, egal wie partiell. Die jüngste Erfahrung hat gezeigt, dass wir eine Revolution, die wir uns nicht einmal vorstellen können, nicht gewinnen können.

Das ist der Hauptzweck dieses Dokuments: Es soll helfen, sich vorzustellen, auf welche Art Veränderungen wir jetzt schon hinarbeiten würden, wenn wir in der Lage wären, die Regierung abzuschaffen oder eine autonome Zone zu schaffen. Nichts davon sind absolute Wahrheiten, die wir durchsetzen wollen und die jede:n dazu zwingen würden, eine einzige Vision von Freiheit und Revolution zu unterstützen. Vielmehr bietet dies eine Möglichkeit, sich Prinzipien und Ziele vorzustellen, für die viele von uns kämpfen würden, die sich auf dem Weg, auf dem wir in Konflikt und Dialog mit anderen Menschen und anderen Visionen treten, unweigerlich verändern und wachsen werden. Es geht nicht darum, jede:n davon zu überzeugen, dass unsere Vision von Freiheit die richtige ist. Wir werden am freisten sein, wenn sich jede Person von uns in jedem Moment ihre eigene bestmögliche Welt vorstellen kann.

Nicht einmal die Leute, die es schreiben und veröffentlichen, denken, dass dieses Dokument ein gültiges Programm oder ein vollständiger Vorschlag ist. Unsere Hoffnung ist, dass es als Ausgangspunkt für Diskussionen und Debatten dienen wird und den Menschen hilft, ähnliche Visionen, widersprüchliche Visionen oder einfach nur unterschiedliche Visionen zu artikulieren. Je mehr Menschen sich die Welt ihrer Träume vorstellen und darüber nachdenken, wie unzählige solcher Welten in eine einzige Welt passen können, indem sie mit dem homogenisierenden westlichen Projekt brechen, desto größer wird unsere kollektive Intelligenz sein.

Dieses Programm befasst sich mit einigen schwierigen Themen, über die kein einzelnes Kollektiv alleine entscheiden darf. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es weniger schädlich wäre, diese Themen unvollkommen anzusprechen, als sie zu vermeiden und so zu tun, als würden sie nicht existieren. Wir hoffen, dass unsere unangemessenen Versuche andere dazu inspirieren werden, es besser zu machen. Die Unvollständigkeit dieses Programms drückt ein grundlegendes anarchistisches Prinzip aus: Niemand kann jemals die Bedürfnisse aller ausdrücken. Was auch immer du vermisst, es liegt an dir, es auszufüllen, und an uns allen, uns gegenseitig zu unterstützen, um dies gemeinsam zu erreichen.

Am Ende gibt es ein kurzes Glossar, das erklärt, was wir mit bestimmten Begriffen meinen.


Ein anarchistisches Programm

0) Die Zwecke sind die Mittel

Diejenigen, die ein anarchistisches Programm unterstützen, leben und organisieren sich so, dass das Programm unmittelbar möglich ist und nicht in ferner Zukunft, nachdem eine diktatorische Partei die Macht übernommen hat. Dies stellt eine völlig andere Art der Machterzeugung dar, die genau jetzt beginnt.

Nichts in diesem Programm, nicht einmal die Abschaffung des Staates, kann Kampfmittel rechtfertigen, die in der Welt, die wir bewohnen wollen, nicht zu Hause wären, ebenso ist das Aufschieben von Fragen der Freiheit und des Wohlergehens bis nach einem Ausnahmezustand, den wir als Revolution verkleiden, nicht zu rechtfertigen.

1) Gegenseitiges Überleben

Im Kapitalismus hat niemand ein Recht auf Überleben. Wir sind alle gezwungen, für die Mittel zum Überleben zu bezahlen – und einige von uns können es nicht. Millionen Menschen sterben jedes Jahr an leicht vermeidbaren Ursachen; Milliarden leben im Elend, weil ihnen die Mittel für ein gesundes, menschenwürdiges Leben vorenthalten werden. Das endet jetzt.

A. Jeder Mensch und jede Gemeinschaft hat ein Recht auf die Mittel zum Überleben.

B. Daraus folgt, dass Personen und Gemeinschaften, die sich so konstituieren, dass sie die Mittel zum Überleben der anderen zerstören, oder diese Mittel im Tausch gegen einen Dienst (Ausbeutung) vorenthalten, die Möglichkeit des gegenseitigen Überlebens zerstören. Daher stellt ihre „Lebensweise“ kein Überleben dar – sie gefährdet das Überleben.

C. Personen und Gemeinschaften verteidigen sich zu Recht gegen Ausbeutung oder Bedrohung ihrer Überlebensmöglichkeiten, vorzugsweise indem sie diejenigen, die sie bedrohen oder ausbeuten, davon überzeugen, ihre Lebensweise in ein harmonischeres, für beide Seiten durchführbares Muster zu ändern – aber auch, wenn nötig, mit Gewalt.

D. Konflikte und Tod waren schon immer ein Teil des Lebens, und werden es auch in absehbarer Zukunft bleiben. Mit den heutigen Technologien wird versucht, den Tod zu verhindern, indem man den Tod unter denen, die keinen Zugang zu solchen Technologien haben, vermehrt. Daraus folgt, dass Überleben nicht die Abwesenheit des Todes ist, sondern die Möglichkeit ein gesundes und erfülltes Leben zu leben, sowie die Möglichkeit, etwas von diesem Leben an zukünftige Generationen weiterzugeben.

E. In diesem Sinne ist das Gegenteil von Leben nicht der Tod, sondern die Auslöschung, die totale Vernichtung einer Gruppe, einschließlich sogar die Zerstörung der Erinnerung an diese Gruppe. Die Vernichtung gehört dem Staat. Sie schließt die Möglichkeit des gegenseitigen Überlebens aus.

2) Entkolonialisierung

Die Kolonisation ist entscheidend für die weltweite Ausbreitung des Kapitalismus und die Verwüstungen, die er mit sich gebracht hat. Diese Verwüstung hat ständige Auswirkungen auf allen Ebenen. Die Kolonisation ist die Grundlage der Vereinigten Staaten; sie war auch das Fundament für die großen europäischen Staaten, die als die Architekten des gegenwärtigen globalen Systems von Etatismus und Kapitalismus fungierten. Die partiellen Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben die grundlegenden kolonialen Rahmenwerke, die sie geerbt haben, nicht verändert. All dies muss sich ändern.

A. Die kolonisierten Völker haben das Recht, ihre Gemeinschaften, ihre Sprachen und Wissenssysteme, ihre Territorien und ihre Organisationssysteme wiederherzustellen. All dies sind fließende Realitäten, die die Mitglieder solcher Gemeinschaften an ihre gegenwärtigen Bedürfnisse anpassen.

B. Siedlergesellschaften müssen zerstört werden. Weil sie historisch so tief verwurzelt sind, wird ihre Abschaffung nicht ein einziger Moment der Entschädigung sein (als ob ein Preisschild an all das verursachte Leid gehängt werden könnte), sondern ein komplexer und sich entwickelnder Prozess. Die indigenen Gemeinschaften sollten in der Lage sein, von einer Position der Stärke und Heilung aus zu bestimmen, wie die Entkolonialisierung aussieht. Dies wird durch die Abschaffung der Vereinigten Staaten (und Kanadas und anderer Nationen) ermöglicht. Dies ist auch notwendig, um mit der Kanonenbootdiplomatie zu brechen, die einen Großteil des Kolonialismus der Siedler:innen geprägt hat.

C. Per Definition können und wollen wir die Grenzen der Entkolonialisierung nicht vom gegenwärtigen Moment an, aus der Realität einer Siedlergesellschaft heraus, definieren. Anarchist:innen, Indigene und andere, bevorzugen Modelle der Dekolonisation, die mit kolonialen Logiken brechen und Nationalstaaten, ethnischen Essentialismus, Straf- und Völkermord-Praktiken und bloße Reformen bezüglich der Frage, wer die Staatsmacht innehat, ablehnen.

D. Siedlergemeinschaften, die historisch und bis zum heutigen Tag die Rolle eines aggressiven und feindseligen Nachbarn gespielt haben, der dabei hilft, die indigenen Gemeinschaften im Reservationssystem zu überwachen und auszubeuten, werden zur Auflösung ermutigt und als Paramilitärs behandelt, wenn sie Formen von Feindseligkeiten fortsetzen. Alle „Man Camps“ werden sofort aufgelöst und die Ressourcen werden für die Suche nach vermissten indigenen Frauen und two-spirit people eingesetzt.

E. Universitäten, Museen und andere Institutionen werden alle Körper, Körperteile, Kunst und Artefakte zurückgeben, die von indigenen Gemeinschaften gestohlen wurden.

F. Indigene Gemeinschaften haben das Recht, das gesamte Gebiet zurückerhalten, das sie für ihr volles kulturelles, spirituelles und materielles Überleben benötigen.

G. Der Rückgewinnung von Land von spiritueller Bedeutung, Land, das der Regierung gehörte, und großen kommerziellen Besitztümern, könnte Vorrang eingeräumt werden – aber auch hier sollten keine vorgefassten Grenzen gesetzt werden, wie sich die Entkolonialisierung entfalten wird.

H. Gemeinschaften in Ländern, die externe Kolonialprojekte unterhalten haben (z.B. Großbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland), werden nach der Abschaffung ihrer Regierungen einen groß angelegten Transfer von nützlichen Ressourcen ermöglichen. Ressourcen, die ihren abgeschafften Regierungen, den Reichen und Institutionen, die den Reichen dienten (z.B. private Krankenhäuser), enteignet wurden. Diese Ressourcen werden an die Gemeinschaften in den Ex-Kolonien gehen.

3) Entschädigungen und das Ende von Anti-Blackness

Anti-Blackness und andere Formen des Rassismus sind elementar für die derzeitige Machtstruktur. Sie sind von Anfang an aus Kolonialismus und Kapitalismus hervorgegangen, und zwar so sehr, dass der Kapitalismus untrennbar mit dem Rassismus verbunden ist; auch wenn letzterer viele Formen annehmen kann. Es ist unmöglich, diese Machtstrukturen vollständig abzuschaffen, ohne die historisch begründeten Hinterlassenschaften des Rassismus anzugreifen.

A. Gemeinschaften von Menschen, die größtenteils von den Überlebenden der Sklaverei abstammen, habemn das Recht große Landbesitze zu übernehmen, zum Beispiel frühere Plantagen, sowie den übermäßigen Reichtum von Familien und Institutionen, die von der Sklavenarbeit profitierten. Diese Umverteilung sollte auf gemeinschaftlicher und nicht auf individueller Basis erfolgen, um identitäre Prozesse zu vermeiden, die Individuen aufgrund abstrakter Kriterien für legitim oder illegitim erklären. Diejenigen, die eine kollektive oder gemeinschaftliche Enteignung organisieren, haben das Recht, ihre eigenen Erfahrungen zu definieren und zu bestimmen, wie die Unterdrückung sie historisch beeinflusst hat, sowie zu wählen, wie sie sich konstituieren und wen sie in ihre Gemeinschaft einladen.

B. Historisch racialisierte Nachbarschaften, die gentrifiziert wurden, können zurückerobert werden. Da viele Stadtviertel vor der Gentrifizierung in der Tat sehr divers sind und Menschen aus der Arbeiterklasse aller Races ihr Zuhause verlieren können, können diejenigen, die zur Zeit der Revolution in Wohnungs- und antirassistische Kämpfe verwickelt waren, Versammlungen bilden, um den Prozess der Einladung von Menschen in zurückeroberte Stadtviertel zu organisieren, indem sie zum Beispiel früheren Bewohner:innen oder ihren Kindern Priorität einräumen und Wege finden, ein Gleichgewicht zwischen der Wiederbelebung Schwarzer und anderer Kulturen des Widerstands und der Schaffung von Praktiken raceübergreifender Solidarität zu finden, die die Trennungen und Abschottungen des Rassismus aufbrechen.

C. Menschen in Stadtvierteln, die infrastrukturell unsolide oder unhygienisch sind, die unter Umweltrassismus oder anderen schädlichen Auswirkungen leiden, die in absehbarer Zukunft weiterhin Gesundheitsprobleme verursachen werden, können enteignen und in wohlhabende Stadtviertel ziehen (wobei sie bevorzugt die Wohlhabendsten ins Visier nehmen). Die früheren Bewohner:innen dieser Viertel können in das verlassene, minderwertige Viertel ziehen, um es aus eigener Kraft zu verbessern, oder sie können in andere ungenutzte Wohnungen ziehen, von denen es dank der kapitalistischen Immobilienmärkte genug gibt.

D. Die Waffen, die der aufgelösten Polizei und dem Militär abgenommen wurden, werden unter Schwarzen, Indigenen und anderen racialisierten Gemeinschaften und an freiwillige Milizen verteilt, die während des gesamten revolutionären Konflikts eindeutig auf der antirassistischen Seite gekämpft haben. Die Gemeinschaften werden entscheiden, was mit den Waffen gemacht werden soll – ob sie verteilt, gelagert oder zerlegt werden sollen.

E. Bildungs- und Gesundheits-Ressourcen können aus wohlhabenden Vierteln zum Nutzen der racialisierten Nachbarschaften entnommen werden.

F. Es liegt in der Verantwortung der weißen Antikapitalist:innen, oder richtiger gesagt, der Antikapitalist:innen, die dabei sind, endgültig mit ihrer Whiteness zu brechen, mit anderen Weißen zusammenzuarbeiten, um einen möglichst friedlichen Wiedergutmachungsprozess zu erreichen, ihnen zu helfen, in andere Viertel oder Territorien umzuziehen, falls sie vertrieben werden, ihre Landung zu dämpfen und ihnen zu helfen, die Mittel für ein würdiges Überleben zu finden, ohne festgefahrene Identitäten oder Ressentiments zu schaffen, die Konflikte zwischen den Generationen fördern oder Whiteness am Leben erhalten könnten.

G. Versammlungen von Menschen, die sich zur Zeit der Revolution für die entsprechenden Anliegen einsetzen, werden Wahrheits- und Versöhnungskomitees einrichten, um sich mit allen rassistischen Gräueltaten zu befassen, die ihnen zur Kenntnis gebracht werden, wie zum Beispiel die Zwangssterilisationen, die in ICE-Einrichtungen durchgeführt werden. Die Prozesse, um die Wahrheit dieser Gräueltaten aufzudecken und eine Art von Versöhnung zu erreichen, werden nicht rein symbolisch sein, und sie brauchen persönliche Racheakte nicht zu delegitimieren, aber sie werden nach einer Form von kollektiver Heilung und transformativer Gerechtigkeit streben, anstatt nach Straf- und Gefängnismaßnahmen.


Alle folgenden Punkte des Programms sind davon abhängig, dass die Punkte 1-3 in einer Weise in Gang gesetzt werden, die für diejenigen zufriedenstellend ist, die unter der weißen Vorherrschaft, Kolonisation und dem racialen Kapitalismus gelitten haben. Die Rechte und Prinzipien in Punkt 4, zum Beispiel über den Zugang zu Land, dürfen nicht dazu benutzt werden, die Bemühungen der indigenen Gemeinschaften, ihr Land zurückzubekommen, zu vereiteln.

4) Land

Die Art und Weise, wie der Kapitalismus und die westliche Zivilisation uns gelehrt haben, über das Land nachzudenken und wie wir es behandeln sollen, hat uns an den Rand der Katastrophe gebracht. Das Paradigma von Land als Eigentum, als eine Ressource, die ausgebeutet werden muss, ist gleichzeitig ein Misserfolg und ein Zerrbild. Die Kommodifizierung von Land war instrumentell für den Kolonialismus und die Ausbeutung, während die Vermessung, Abgrenzung und Behauptung der Herrschaft über das Land während seiner gesamten Geschichte zentral für den Staat war.

A. Land ist ein Lebewesen. Land kann nicht gekauft und verkauft werden.

B. Land gehört denen, die dazugehören, d.h. denen, die sich um es kümmern, und denen, deren Überleben darauf beruht.

C. Land sollte respektiert werden. Die Gemeinschaften sollten die Persönlichkeit des Landes und alle anderen Wesen, die in Verbindung mit dem Land existieren, berücksichtigen. Die Vorstellung, dass nur Menschen die Persönlichkeit innehaben, die ihnen das Recht auf Land gibt, ist für einen großen Teil der Katastrophe verantwortlich, der wir gegenüberstehen.

D. Land ist die Grundlage für das Überleben, und alles Land ist miteinander verbunden.

E. Daraus folgt, dass die Verteidigung des Landes Selbstverteidigung ist und deshalb richtig ist.

F. Eine Gemeinschaft, die in einer intimen, lokalisierten Beziehung zum Land existiert, oder eine Gemeinschaft, die historisch eine solche Beziehung hatte und sich als gute Verwalter des Landes erwiesen hat, wird wahrscheinlich am besten wissen, wie sie mit einem bestimmten Territorium zu verkehren hat. Andere sollten sich ihnen in Fragen der Verteidigung und Pflege des Landes unterordnen.

G. Es liegt in der Verantwortung aller Gemeinschaften, das Land zu unterstützen und zu begleiten, während es von Jahrhunderten des Kapitalismus und des Staates heilt.

5) Wasser

Wasser ist Leben.

A. Alle Gemeinschaften müssen das Wasser, das sie benutzen, dem Fluss, See oder Grundwasserleiter so sauber zurückgeben, wie sie es vorgefunden haben.

B. Alle Gemeinschaften haben die Verantwortung, ihrem Wassereinzugsgebiet zu helfen, sich nach Jahrhunderten kapitalistischer Aggression selbst zu heilen und zu reinigen.

C. Angesichts des Klimawandels, der Wüstenbildung und all der anderen Formen der Schädigung des Planeten haben alle Gemeinschaften die Verantwortung, ihre Lebensweise im Falle von Wasserknappheit anzupassen und sich gegenseitig bei der Migration zu helfen, wenn zunehmende Wasserknappheit und Wüstenbildung ein menschenwürdiges Überleben unmöglich machen.

D. Im Falle von Wasserknappheit wird bei der Wassernutzung lokalen Formen der nachhaltigen Landwirtschaft und der Erhaltung der Lebensräume anderer Lebensformen Vorrang eingeräumt.

E. Das Wasser zu verschmutzen oder so viel zu nehmen, dass andere flussabwärts oder im selben Grundwasserleiter nicht genug für ein würdiges Überleben haben, ist ein Akt der Aggression.

F. Gemeinschaften sollten auf Angriffe auf ihr Wasser mit Dialog- und Verhandlungsversuchen antworten, aber wenn diese Versuche erfolglos bleiben, haben sie Recht, sich zu verteidigen.

6) Grenzen

Das globale System, das wir abschaffen, basiert auf Staaten, die ihre Souveränität über klar demarkierte Grenzen behaupten, abwechselnd kooperierend und konkurrierend in kapitalistischer Akkumulation und Kriegsführung. Nationalstaaten haben schon immer zu kultureller und sprachlicher Homogenisierung und Genozid geführt, und Grenzen haben sich als zunehmend mörderische Mechanismen erwiesen. All das wird von nun an abgeschafft.

A. Menschen und Gemeinschaften entscheiden gemeinsam, welchen Gemeinschaften sie angehören wollen, bzw. wie sie sich konstituieren wollen. Dies ist das Prinzip der freiwilligen Vereinigung.

B. Gemeinsam werden wir, so gut wir können, Prinzipien der Bewegungsfreiheit entwickeln, ausgewogen mit einem Respekt für die Gemeinschaften, die die Hüter der Gebiete sind, durch die sich andere bewegen wollen. Diese beiden Prinzipien erfordern einerseits die Abschaffung der Grenzen und andererseits die Abschaffung des individualistisch ausgerichteten Tourismus. Es ist vernünftig, dass die Gemeinschaften, die in Bezug auf ein bestimmtes Territorium existieren, von den Besucher:innen Privatsphäre und grundlegenden Respekt erwarten; gleichzeitig ist es gut, dass die Menschen sich frei bewegen können, auf der Suche nach einem besseren Leben oder auch nur, weil die Bewegung ihnen Freude und Wohlbefinden bringt. Diese beiden Rechte, so wie sie sind, können in Konflikt geraten. Gemeinschaften und Einzelpersonen verpflichten sich, diese Konflikte so konstruktiv wie möglich zu lösen.

C. Die Gemeinschaften verpflichten sich, den Migrant:innen grundlegende Gastfreundschaft und sicheres Geleit zu bieten. Dazu können auch Migrant:innen gehören, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, nachdem sie durch die Auswirkungen des Kapitalismus zur Auswanderung gezwungen wurden. Es könnte die Migration ganzer Gemeinschaften umfassen, die vor den langfristigen Auswirkungen des Umweltrassismus fliehen.

D. Die Gemeinschaften koordinieren sich über die Gebiete hinweg, wie sie es für richtig halten. Dazu könnten (der Einfachheit halber) nach sprachlichen Gesichtspunkten organisierte Föderationen, Koordinierungsstellen in einer gemeinsamen Wasserscheide und vieles mehr gehören. Anarchist:innen empfehlen redundante, sich überschneidende Organisationsformen sowie die Mitgliedschaft in mehreren Gemeinschaften, um der potenziell militaristischen Reproduktion von angrenzenden Einheiten oder essentialistischen Identitäten zu widerstehen.

7) Wohnen

Selbst Regierungen, die das Recht auf Unterkunft in ihren Verfassungen verankert haben, haben es versäumt, dieses Grundbedürfnis zu garantieren. Wie Malatesta hervorhob, ist der Kapitalismus das System, in dem Baumeister:innen obdachlos werden, weil es zu viele Häuser gibt.

A. Häuser gehören denjenigen, die darin wohnen.

B. Niemand hat ein Recht auf mehr Häuser, als er oder sie braucht. Dies sollte nicht auf das Prinzip „eine Familie, ein Haus“ reduziert werden, wegen der Gefahr, ein Familienmodell zu normalisieren, und weil einige dynamische Familien die Bewegung zwischen mehreren Knotenpunkten einschließen, und um nomadische und andere Gesellschaften zu respektieren, die um saisonale Migrationen herum organisiert sind. Dies bedeutet jedoch, dass die Ferienhäuser der Reichen für diejenigen, die Zugang zu Land oder anständigem Wohnraum brauchen, Freiwild für Enteignungen sind.

C. Wohnen ist keine Ware, die man kaufen und verkaufen kann.

D. Die Gemeinschaften sorgen dafür, dass alle ihre Mitglieder eine menschenwürdige Unterkunft haben, und dann helfen sie den benachbarten Gemeinschaften, die Ressourcen zu finden, die sie brauchen, um ihren Wohnbedarf zu decken.

E. Anarchist:innen werden die Umwandlung von Wohnungen fördern, die die kapitalistische Immobilienentwicklung und Stadtplanung speziell zur Förderung patriarchaler Kernfamilien einsetzt. Die Menschen werden ermutigt, ihre Lebensräume so zu verändern, dass mehr gemeinschaftliche Praktiken der Verwandtschaft, Kindererziehungspraktiken, die nicht im heterosexuellen Paar angesiedelt sind, und autonome Räume für Frauen und nicht-genderkonforme Menschen möglich werden.

F. Anarchist:innen werden es zu einer Priorität machen, Menschen, die vor missbräuchlichen Beziehungen und Umständen fliehen, eine sichere Unterkunft zu bieten.

G. Die Gemeinschaften werden sofort und im Rahmen ihrer Möglichkeiten damit beginnen, die Wohnungen so umzubauen, dass sie ökologisch nachhaltig sind, und die Siedlungsmuster so zu verändern, dass die Wohnkerne den ökologischen und kulturellen Bedürfnissen entsprechen, wobei sie sich von der gegenwärtigen Realität entfernen, in der die bestehenden Wohnungen den Imperativen des Kapitalismus entsprechen. Da dieser Prozess Jahrzehnte dauern wird, sollten die Gemeinschaften Pläne entwickeln und Ideen austauschen, um den Übergang zu organisieren, wobei zu berücksichtigen ist, dass es zu einer raschen Abkehr von fossilen Brennstoffen und Veränderungen in der Verfügbarkeit verschiedener Baumaterialien kommen wird.

H. Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben ist ein emotional traumatisierender Akt, den wir nicht als Teil der Welt sehen wollen, die wir bauen. Viele historisch unterdrückte Gemeinschaften finden sich jedoch in Situationen wieder, die ihr Leben direkt verkürzen, während die prunkvolle Behausung der Reichen Generationen von angehäufter Plünderung darstellt; in diesen Fällen ist es für sie besser, denjenigen, die von ihrem Elend profitiert haben, die Wohnung zu nehmen, als im Elend weiterzumachen. Im Kapitalismus gibt es kein unveräußerliches Recht, in einem bestimmten Haus zu bleiben, und wir führen keine Revolution durch, um den Reichen Rechte zu geben, die sie nicht einmal in ihrem eigenen gewählten System beansprucht haben.

8) Nahrung

Ein Kernaspekt der kapitalistischen Akkumulation war die Industrialisierung und die Ausbeutung der Lebensmittelproduzierenden, sowohl der menschlichen Bäuer:innen als auch anderer Lebewesen, mit dem Versuch, einen ständig wachsenden Überschuss herauszupressen. Dies hat zu Genozid im Zusammenhang mit der Kommodifizierung des Landes, der totalen Zerstörung der bäuerlichen Gesellschaften, der Abholzung und dem Aufbau von Monokultur-Wüsten, dem Massenverhungern, der Massenausrottung, der Umweltverschmutzung, dem Klimawandel, den toten Zonen im Ozean, der Zerstörung und Kommodifizierung von Gemeinschaften verschiedener Lebewesen, der Ermordung des lebendigen Bodens und der systematisierten Verhaftung und Folter nichtmenschlicher Tiere geführt. Wie wir uns ernähren, ist ein Knotenpunkt, der zusammenbringt, wie wir unsere Gesellschaft organisieren und die Beziehungen, die wir mit dem breiteren Ökosystem herstellen.

A. Jeder Mensch hat ein Recht auf all die Nahrung, die er oder sie für ein gesundes, menschenwürdiges Leben benötigt.

B. Dafür zu sorgen, dass jede Person genügend Nahrung hat, ist eine kollektive Verantwortung.

C. Das willkürliche Begrenzen oder Zerstören der Nahrungsversorgung, auf die andere angewiesen sind, ist ein Angriff auf ihr Überleben. Darauf können sie mit legitimer Selbstverteidigung antworten.

D. Die Arbeiter:innen in der Lebensmittelproduktion zur Zeit der Revolution werden die Produktionsmittel, die unter ihrer Kontrolle stehen, sozialisieren mit dem Ziel, den Zugang aller zu Nahrung zu sichern.

E. Die Gemeinschaften werden den Prozess der Umverteilung großer landwirtschaftlicher Flächen und der Rückgewinnung von Land in städtischen Gebieten einleiten, um Ernährungssouveränität zu ermöglichen und den Zugang zu den Mitteln zur Selbstversorgung zu teilen.

F. Die Landwirtschaft wird sich vom gegenwärtigen, vom Erdöl abhängigen, hoch industrialisierten Modell zu einem lokalisierten, ekozentrischen Modell umwandeln, das zwei Zwecke erfüllen soll: die Ernährungssicherheit zu gewährleisten und die Gesundheit des Planeten wiederherzustellen. Die menschliche Ernährung wird sich in einer ökosystemischen Logik neu positionieren.

G. Besonders schädliche Technologien wie Fabrikschiffe und Tierlager für die industrielle Fleisch- und Milchproduktion werden so schnell wie möglich abgebaut.

9) Gesundheitsfürsorge

Unter dem Kapitalismus und dem Staat wurde die Gesundheitsfürsorge als eine Form der Erpressung benutzt, um arme Menschen im Elend und in der Verschuldung zu halten, um unsere Körper zu überwachen, zu disziplinieren und zu kontrollieren, und besonders um Frauen, trans- und nicht-binäre Menschen, racialisierte Menschen und Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Unterschieden in der geistigen Gesundheit zu foltern und zu kontrollieren. Es ist eine der vernichtendsten Anklagen des gegenwärtigen Systems, dass die Praktiken, die sich auf Heilung konzentrieren sollten, als Schauplatz für Grausamkeit und Profitmacherei fungieren.

A. Jede Person hat ein Recht auf präventive Therapien und Lebensbedingungen, die ihr die bestmögliche Gesundheit garantieren.

B. Jede Person hat das Recht, im Dialog mit ihrer Gemeinschaft für sich selbst zu definieren, was Gesundheit ausmacht. Personen, die eine kollektive Erfahrung oder Identität in Bezug auf Geschlecht, Sexualität, körperliche Fähigkeiten, geistige Gesundheit, ethnische Zugehörigkeit oder etwas anderes teilen, können ihre eigene Definition oder ihr eigenes Gesundheitsideal entwickeln; es steht den Mitgliedern dieser Gruppen frei, sich diesen Definitionen anzuschließen oder sie nicht anzuschließen.

C. Jede Person hat das Recht, ihren Körper zu verändern, entsprechend ihrem Geschlechtsausdruck oder aus welchem Grund auch immer, wie es ihr beliebt. Die Menschen haben ein uneingeschränktes Recht auf Verhütungsmittel und Abtreibung.

D. Kein medizinisches Personal kann gezwungen werden, einen Eingriff vorzunehmen, mit dem sie nicht einverstanden ist, aber einer Person den Zugang zu einem medizinischen Eingriff zu verweigern, ist ein Angriff auf ihre körperliche Autonomie. Die Ausbildung von Fähigkeiten im Zusammenhang mit der Gesundheitsfürsorge wird so weit wie möglich verbreitet, so dass niemand jemals in der Lage ist, als Torwächter für Zugang zur Gesundheitsfürsorge zu agieren.

E. Jede Person hat ein Recht auf das volle Ausmaß der Behandlung, die ihr in ihrer Gemeinschaft zur Verfügung steht, oder darauf, auf der Suche nach besseren Bedingungen oder besseren Behandlungsmöglichkeiten zu reisen.

F. Die Mitarbeiter:innen des Gesundheitswesens werden zur Zeit der Revolution die Krankenhäuser und andere ihnen zur Verfügung stehende Einrichtungen und Infrastrukturen sozialisieren und ihr Bestes tun, um den kontinuierlichen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, den Zugang und die Qualität der Behandlung zu verallgemeinern und zu verbessern, die Behandlung der historisch marginalisierten Bevölkerungen gleichzustellen, Versöhnungsprozesse zu erleichtern, um gegen den Missbrauch dieser Bevölkerungen durch die Ärzteschaft vorzugehen, und ihren Beruf neu zu organisieren, um alle kapitalistischen Einflüsse und die klassenbasierte Organisation zu beseitigen, wobei die internen Hierarchien weiterhin zugunsten von Ausbildung und Erfahrung gewichtet werden.

G. Der Handel mit Gesundheitsdiensten, einschließlich der Drohung, Gesundheitsdienste vorzuenthalten, ist ein Akt der Aggression.

H. Als Teil des Prozesses der Selbstdefinition von Gesundheit werden Anarchist:innen die Bildung von Versammlungen fördern, die die eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen der Menschen in den Mittelpunkt stellen, und damit die Tradition brechen, die die Angehörigen der Gesundheitsberufe als Protagonist:innen und die Menschen als bloße Gefäße für Krankheit oder Behandlung etabliert. Die Menschen werden das Wissen über ihren eigenen Körper teilen und erweitern, indem sie sich der Werkzeuge bedienen, die sie brauchen, um proaktiv für die größtmögliche Gesundheit und das größtmögliche Glück zu sorgen.

10) Bildung

Die öffentliche Bildung wurde genutzt, um patriotische, gehorsame Beamt:innen, Soldat:innen und Bürger:innen zu schaffen, die an die Überlegenheit der Weißen glauben. Noch länger wurde das katholische Bildungswesen in Europa und in den Kolonien benutzt, um den Kolonialismus und staatliche Autorität zu rechtfertigen. Sowohl das öffentliche als auch das private Bildungswesen sind mit systematischem Kindesmissbrauch verbunden. Im Gegensatz zu klassistischen Stereotypen sind Menschen mit höherer formaler Bildung oft eher in der Lage, Fakten, die ihren Vorurteilen oder ihrer Weltanschauung widersprechen, abzutun. Bildung, so wie sie ist, ist ein Eckpfeiler der Unterdrückung.

Ganz im Gegenteil sollte Bildung ein endloser Prozess des Wachstums und der Selbstverwirklichung sein. Anarchist:innen waren immer an vorderster Front, wenn es um das Experimentieren mit Modellen befreiender Bildung ging, die mit den Standardformeln patriotischer, patriarchaler, kolonialer, kapitalistischer Bildung brechen.

A. Wissen muss frei sein; es gehört der Gemeinschaft.

B. Jede Person muss Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten haben, die sie sich wünscht. Anarchist:innen werden spezifische Projekte fördern, die die Unterdrückungen beenden, die den Zugang der Menschen zu Bildung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Sexualität, Race, Klasse oder anderer Spaltungen einschränken. Beispiele dafür können Intensivkurse in Bereichen wie Mathematik, Naturwissenschaften und Mechanik für Leute aus Gruppen, denen in der Vergangenheit davon abgeraten wurde, diese Bereiche zu betreten sein, oder Geschichts- und Literaturkurse, die die Stimmen und Erfahrungen aus einem anderen Blickwinkel als dem von heterosexuellen weißen Männern der Oberschicht in den Mittelpunkt stellen. Solche Projekte werden auch eine Vielfalt von Lernumgebungen einsetzen, die keinen einheitlichen, normativen Standard der körperlichen und geistigen Fähigkeiten voraussetzen.

C. Anarchist:innen werden dazu beitragen, dass historisch marginalisierte Gruppen die Ressourcen erhalten können, die sie benötigen, um den Wissenskörper, der für ihre spezifische Gemeinschaft wichtig ist, zu identifizieren, zu entwickeln und zu verbreiten, wie sie es für richtig halten.

D. Es steht den Kindern frei, sich nach eigenem Gutdünken in einem erzieherischen Umfeld im Dialog mit ihrer Gemeinschaft zu engagieren. Freie Kinder, die alle ihre Grundbedürfnisse befriedigt haben, sind ständig mit ihrer eigenen Erziehung beschäftigt, unabhängig davon, ob sie dies in einem formellen Rahmen tun.

E. Lehrkräfte und Professor:innen, die als solche weiterarbeiten wollen, können die Grundausbildung organisieren, aber Anarchist:innen werden das Entstehen neuer Projekte fördern, die auf befreienden Bildungsmodellen basieren, statt auf dem Auswendiglernen oder dem Absolvieren von vorgefassten Modulen, insbesondere auf kollektiven, selbstorganisierten Selbstbildungsprojekten.

F. Berufe, die sich nach dem Ende des Kapitalismus als nützlich und wünschenswert erweisen, werden im Dialog mit anderen Berufen Bildungsprogramme organisieren, um neue Mitglieder des Berufsstandes auszubilden, indem sie die Ressourcen der Schulen und Universitäten enteignen oder die Lehrräume innerhalb dieser Schulen und Universitäten übernehmen.

G. Wissenschaftliche Organisationen können sich konstituieren, um für die Berufsausbildung an den Universitäten zu sorgen und Labore und begutachtete Arbeiten zu unterhalten. Sie werden über Möglichkeiten diskutieren, die notwendigen Mittel zur Erhaltung der Labore und der benötigten Technologien aufzubringen, ohne die Prozesse der Wissensproduktion zu kapitalisieren. Eine mögliche Lösung besteht darin, dass die wissenschaftlichen Experimente weitgehend auf die von den Gemeinschaften als Ganzes geäußerten Bedürfnisse reagieren müssen.

H. Die fortgeschrittene Ausbildung, die benötigt wird, um Wissenschaftler:in zu werden, ist ein Geschenk der Gemeinschaft an den Einzelnen; das Wissen, das die Wissenschaftler:innen mithelfen, zu produzieren, sollte ein Geschenk zurück an die Gemeinschaft sein. Die Wissenschaftler:innen sollten auch ihrer Verantwortung gerecht werden, Werkzeuge für die Ausbildung so weit wie möglich zu teilen. Wissenschaftliches Wissen und Ausbildung sollten nicht in einigen wenigen Händen konzentriert werden. Gute Wissenschaft gedeiht durch eine breite Beteiligung am Prozess der Forschung und Überprüfung. Damit die Wissenschaft leben kann, müssen die Wissenschaftler:innen aufhören, andere Menschen als Objekte in einer Petrischale zu behandeln und sich darauf konzentrieren, sie für die Teilnahme an diesem Prozess auszurüsten.

I. Wissenschaftler:innen, Lehrkräfte und andere Pädagog:innen werden Versöhnungsprozesse erleichtern, um mit Formen des Missbrauchs umzugehen, an denen sie vor der Revolution möglicherweise beteiligt waren, von der Erleichterung der Polizeigewalt gegen Schüler:innen bis hin zur Arbeit mit Unternehmen, die Menschen Schaden zugefügt haben. Anerkannte Wissenschaftler:innen, die ihr Wissen zur Unterstützung fossiler Brennstoffe, der Rüstungsindustrie und ähnlicher Industriezweige eingesetzt haben, sollten ebenso ihrer vermeintlichen Legitimität beraubt werden, wie Ärzt:innen wegen Fehlverhaltens ihre Approbation verlieren können.

J. Verbände von Wissenschaftler:innen werden entscheiden, ob sie tatsächlich irgendeine Form der Lizenzierung benötigen, um die Qualität ihrer Arbeit zu gewährleisten. Die Antwort ist für Herzchirurg:innen vielleicht nicht die gleiche wie für Botaniker:innen. Dies setzt ein Gleichgewicht voraus zwischen den Bedürfnissen der Wissenschaftler:innen, um Qualitätsstandards zu gewährleisten, den Interessen der Menschen, um Monopole oder Torwächter zu verhindern, die den Zugang zu Wissen und Ausbildung einschränken, sowie dem Bedürfnis der Menschen nach Transparenz – z.B. um sicherzustellen, dass diejenigen, denen sie ihre medizinische Versorgung oder technologische Projekte anvertrauen, in der Vergangenheit nicht gefährlich nachlässig gehandelt haben. Vereinigungen von Laien werden sich auch organisieren, um sich an diesen Entscheidungen zu beteiligen.

11) Produktion

Im Kapitalismus ist die Produktion eines der wichtigsten Mittel, um Kapital für den Reichtum anzuhäufen – durch entfremdete Arbeit, Ausbeutung und die Zerstörung der Umwelt. In der Anarchie stellt sich nur die Frage, wie die gesellschaftlich definierten Bedürfnisse befriedigt werden können, zu denen alles gehört, vom kollektiven Überleben bis hin zu dem Bedürfnis der Menschen, zu wachsen und das Leben zu genießen.

A. Ex-Arbeiter:innen werden ihren Arbeitsplatz zum frühestmöglichen Zeitpunkt beschlagnahmen und untersuchen, ob der Arbeitsplatz (Fabrik, Werkstatt, Büro, Laden, Restaurant usw.) so verändert werden kann, dass er auf gesunde Weise etwas sozial Nützliches produziert. Falls nicht, wird der Arbeitsplatz abgebaut und seine Ressourcen unter den Ex-Arbeiter:innen, den Nachbargemeinden und den nützlichen Arbeitsplätzen aufgeteilt.

B. Ex-Arbeiter:innen, die Manager:innen ausschließen und gleichzeitig Arbeitslose mit einschlägigen Fähigkeiten aufnehmen, denen im Kapitalismus der Zugang zur Beschäftigung verwehrt wurde, werden eine Art kollektive, kooperative oder kommunale Struktur schaffen, um ihre Arbeitsplätze zu organisieren, indem sie sich mit anderen Arbeitsplätzen in ihrer Branche zusammenschließen, um die Produktion von sozial nützlichen Gütern zu leiten.

C. Die Delegierten innerhalb dieser produktiven Föderationen müssen einem bestimmten kollektiven Mandat verpflichtet sein (Förderung von Positionen, die sich aus ihrer Basisversammlung ergeben), sie müssen sofort abberufen werden können, wenn sie dieses Mandat nicht erfüllen, und sie müssen weiterhin ihr Handwerk ausüben. Die Betriebsversammlungen werden entscheiden, ob die Delegierten ihre normale Arbeit täglich ausführen müssen oder ob sie für eine begrenzte Anzahl von Monaten entschuldigt werden können, bevor sie zu ihrer normalen Arbeit zurückkehren, wie es die Bedingungen ihrer Arbeit und die Bedürfnisse der föderativen Arbeit erfordern (z.B. müssen die Delegierten unter Umständen lange Strecken zurücklegen und können während bestimmter Perioden nicht arbeiten).

D. Diejenigen, die berufsmäßige Vertreter:innen sein wollen, die keine andere Arbeit als die von Bürokrat:innen und Politiker:innen verrichten, können ihre eigenen Föderationen von Vertreter:innen gründen, in denen sie sich selbst und andere nach besten Kräften vertreten können. Zu diesem Zweck empfiehlt es sich, das Gesicht weiß anzumalen, Baskenmützen und gestreifte Hemden anzuziehen, von Gemeinschaft zu Gemeinschaft zu reisen und ihre Komiteesitzungen öffentlich abzuhalten. Die Leute brauchen keine Bürokrat:innen – aber wir werden immer Unterhaltung brauchen!

E. Niemand darf zur Arbeit gezwungen werden. Die Gemeinschaften und produktiven Verbände werden ihr Möglichstes tun, um nach einer Logik des Überflusses und nicht nach einer Logik der Knappheit oder des Monopols zu arbeiten. Menschen, die produktive oder kreative Arbeiten in einem individuelleren Rahmen oder auf eine individuellere Art und Weise verrichten möchten, werden dazu ermutigt werden, und soweit es möglich ist, wird ihnen der Raum und die Mittel zur Verfügung gestellt werden, die sie brauchen, obwohl in Momenten absoluter Knappheit, wie in den schwierigen Jahren des Übergangs, die Gemeinschaften es vorziehen könnten, wirksamere kollektive Arbeitsplätze zu bevorzugen, die sofort auf ein Bedürfnis der Gemeinschaft reagieren.

F. Die Vergeschlechtlichung der verschiedenen produktiven Tätigkeiten wird abgeschafft. Anarchist:innen ermutigen ihre Gemeinschaften, darüber nachzudenken, wie verschiedene nützliche, notwendige und segensreiche Aktivitäten ungleich anerkannt und mit Status belohnt werden, und schlagen Initiativen oder neue Traditionen vor, mit denen diese Überbleibsel des Patriarchats beseitigt werden können.

G. Ex-Arbeiter:innen werden ermutigt, ihre Arbeitsplätze vollständig umzugestalten, indem sie, wenn nötig, Maschinen in ihre Bestandteile zerlegen, um in einem sichereren Tempo zu arbeiten und eine Umgebung zu schaffen, die gesund ist in Bezug auf Lärm, Luftqualität, Chemikalien und nicht repetitive Arbeiten.

H. Die Arbeitsplätze werden ein Gleichgewicht zwischen den kreativen oder produktiven Wünschen der Mitglieder, den Bedürfnissen der umliegenden Gemeinschaften und den Bedürfnissen der Gesellschaft als Ganzes herstellen. Das bedeutet, die Handwerker:innen in ihrer kreativen Entwicklung zu ermutigen, darauf zu achten, die umliegenden Gemeinschaften nicht mit schädlichen Chemikalien oder übermäßigem Lärm zu verunreinigen, und zu versuchen, Dinge zu schaffen, die andere in der Gesellschaft brauchen, obwohl die Logik des Überflusses anzunehmen bedeutet, die letztgenannte Richtlinie so weit wie möglich auszulegen, außer in Fällen von akuter Knappheit, die das Überleben einer Gemeinschaft bedrohen.

I. Zerstörerische Energieinfrastrukturen werden so sicher wie möglich schrittweise abgebaut. Expert:innen auf den entsprechenden Gebieten werden dazu angehalten, die Abschaltung der Atomkraftwerke nach einem Zeitplan zu überwachen, der die geringsten Mengen hochradioaktiven Abfalls hinterlässt, sowie die Verstopfung der Ölquellen, damit diese nicht das Grundwasser verseuchen.

J. In einem weniger dringenden Zeitplan werden die Gemeinschaften die Stilllegung von äußerst zerstörerischen Projekten für „grüne Energie“ untersuchen, die Flusspopulationen, Zugvögel und andere Lebewesen gefährden. Diese Arbeit wird von der Entwicklung einer lokalisierten, ökologischen Energieproduktion und der drastischen Reduzierung des Gesamtenergieverbrauchs abhängen. Ein Teil davon ist die Neugestaltung von Gebäuden, um eine passive solare Heizung und Kühlung zu ermöglichen, ein anspruchsvolles Unterfangen, das nicht in einem einzigen Jahrzehnt bewältigt werden kann.

K. Gemeinschaften werden entscheiden, welche Technologien und welche Art von wissenschaftlichen Experimenten und Entwicklungen sie unterstützen werden. In jedem Fall müssen die beteiligten Gemeinschaften und wissenschaftlichen Organisationen jedoch in der Lage sein, alle negativen Folgen dieser Technologie aufzufangen oder zu beheben. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, das Territorium eines anderen Menschen abzubauen oder giftige Substanzen zu erzeugen, mit denen zukünftige Generationen zu tun haben werden.

12) Verteilung, Kommunikation und Transport

Die Lokalisierung der Macht in den Menschen und Gemeinschaften hat einen Zusatz, um die materiellen Mittel des Überlebens auf einer möglichst lokalen Ebene zu organisieren, zum Beispiel durch Prinzipien wie die Ernährungssouveränität. Die Gefahr der Abhängigkeit von einem ausbeuterischen sozioökonomischen System nimmt jedoch dramatisch ab, wenn die Menschen den Großteil ihrer Überlebensbedürfnisse durch die Ressourcen und Aktivitäten eines kleinen lokalen Netzwerks von Gemeinschaften decken können. Für den Rest dieser Bedürfnisse, sowie für all die Dinge, die das Leben angenehmer machen, kann es notwendig sein, die Verteilung über mehrere Regionen eines Kontinents und darüber hinaus zu organisieren. Außerdem ist das Reisen in einer anarchistischen Gesellschaft äußerst wichtig, um ein globales Bewusstsein zu schärfen, Gegenseitigkeit und Solidarität zu fördern, das Entstehen von Grenzen zu verhindern und das Wissen so weit wie möglich zu kollektivieren.

A. Alle staatlich unterstützten Währungen werden abgeschafft. Alle Geldschulden werden gestrichen.

B. Der Austausch von Gütern zwischen den Gemeinschaften erfolgt auf möglichst gerechte Weise. Gemeinschaften, die in engem Kontakt stehen, können eine freie Tausch- oder Geschenkökonomie bevorzugen. Gemeinschaften ohne eine Vertrauensbasis, die eine Geschenkökonomie leichter praktizierbar macht, können sich für einen Quid-pro-quo-Handel entscheiden, aber der Handel mit Gewinn (Serienhandel zur Erzielung eines Wertzuwachses) oder die Erhebung von Zinsen für das Verleihen von Gütern können als Versuche der Nötigung und Ausbeutung angesehen werden.

C. Die Gemeinschaften sollten sich um Ernährungssouveränität bemühen, indem sie den Großteil ihrer Überlebensbedürfnisse von ihrer lokalen Landbasis aus befriedigen, aber darüber hinaus sollten Infrastrukturen unterhalten werden, die Austausch und Reisen fördern.

D. Die Transportarbeiter:innen werden mit den betroffenen Gemeinschaften zusammenarbeiten, um die bestehende Transportinfrastruktur so ökologisch nachhaltig wie möglich zu gestalten, während andere Infrastrukturen (z.B. Flughäfen und Autobahnen) abgebaut werden sollen.

E. Die bereits geförderten Reserven an fossilen Brennstoffen und die bestehenden Infrastrukturen werden rationiert, wobei dem Übergang der landwirtschaftlichen Produktion, der globalen Reparation der Ressourcen und der Aufrechterhaltung der Verbindungen in ländlichen Gebieten ohne Transportalternativen Vorrang eingeräumt wird.

F. Gemeinschaften, Transportarbeiter:innen und diejenigen, die zur Zeit der Revolution gegen patriarchale Gewalt kämpfen, werden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht frei und sicher reisen können. Gemeinschaften, die Gewalt gegen Frauen oder nicht-genderkonforme Menschen, die durch ihr Territorium reisen, ermöglichen oder zulassen, werden als Aggressoren gegen den Rest der Welt betrachtet.

G. Gemeinschaften werden ihr Bestes tun, um die bestehende Kommunikationsinfrastruktur aufrechtzuerhalten, damit sie in Kontakt bleiben können, um global zu kommunizieren und die Erfahrungen ihrer jeweiligen revolutionären Prozesse zu teilen. Auf lange Sicht werden sie Wege erforschen, um die Infrastrukturen, die sie für nützlich halten, mit recycelten oder nicht schädlichen Materialien aufrechtzuerhalten. Sie werden auch untersuchen, ob süchtig machende und depressive Verhaltensweisen im Zusammenhang mit den sozialen Netzwerktechnologien diesen Technologien innewohnen oder eine unangepasste Antwort auf die Entfremdungen des Kapitalismus sind.

13) Konfliktlösung und transformative Gerechtigkeit

Gefängnisse und Polizei existieren schon viel zu lange und zerstören Menschen und Gemeinschaften. Es gibt Wege, mit den unvermeidlichen Konflikten der sozialen Existenz umzugehen, die die Menschen als fähig zu Wachstum, Wiedergutmachung und Heilung sehen, und die so organisiert sind, dass sie den Bedürfnissen der Gemeinschaft entsprechen, anstatt ein System der Unterdrückung und Ungleichheit zu schützen. Die Revolution ist ein Prozess der Zerstörung der Staatsmacht; sie ist auch ein Prozess der Wiedergeburt von wirklichen Gemeinschaften. Der Kapitalismus zwang uns, für unser Überleben von seinen Mechanismen abhängig zu sein, aber sobald er abgeschafft ist, wird unser Überleben wieder zu etwas, das wir gemeinsam erschaffen.

A. Gemeinschaften werden durch die Versammlungen und andere Räume, durch die sie ihr Territorium und das Überleben ihrer Mitglieder organisieren, neu konstituiert. Ein Teil davon bedeutet, der Gemeinschaft, von der unser Überleben abhängt, Rechenschaft abzulegen und sich an der gesunden Lösung von Konflikten, der Heilung von Schäden und der Wiederherstellung der gegenseitigen Beziehungen zu beteiligen.

B. Die Gemeinschaften werden ihr Bestes tun, um fließende Seins- und Beziehungsformen zu ermöglichen, die mit den geschlossenen, patriarchalen und mikro-unterdrückenden Strukturen brechen, die vielerorts traditionell sind. Dem vorherrschenden Konzept der Fluidität des Spätkapitalismus, in dem sich die Menschen durch den Raum bewegen, ohne je ihre Beziehungen, ihren Einfluss auf andere oder die einfache Tatsache anzuerkennen, dass ihr Überleben nicht ihr persönliches Eigentum ist, braucht jedoch kein Spielraum gelassen zu werden.

C. Menschen, die in Mediation, Konfliktlösung und transformative Gerechtigkeit involviert sind, werden Ressourcen teilen und die Gemeinschaften ermutigen, Konflikte und Schaden auf eine wiederherstellende Weise zu behandeln, die Heilung und Versöhnung fördert. Wir werden auch dafür sorgen, dass die Last dieser Arbeit nicht unverhältnismäßig nach Geschlechtern aufgeteilt wird.

D. Die Gemeinschaften werden Normen und Grenzen in Bezug auf schädliche Verhaltensweisen definieren, aber Anarchist:innen werden sie ermutigen, Praktiken zu entwickeln, die den Dialog und Prozesse der Heilung und Versöhnung in den Mittelpunkt stellen, anstatt unzulässige Verhaltensweisen und Strafen zu kodifizieren.

E. Gemeinschaften, die bereits über Traditionen der Mediation und Versöhnungsprozesse verfügen, werden ermutigt, ihre Erfahrungen zu teilen, wie sie es für richtig halten.

F. Alle Gefängnisse werden aufgelöst und die Gemeinschaften nehmen ehemalige Gefangene auf, die verurteilt wurden, weil sie anderen Menschen Schaden zugefügt haben, und verpflichten sich, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um die Umstände des Schadens zu erforschen.

G. Komitees von Personen, die Erfahrung mit transformativer Gerechtigkeit haben, werden mit ehemaligen Gefangenen, die von keiner Gemeinschaft aufgenommen wurden und für die sich keine Gemeinschaft verbürgt hat, zusammen mit den Gemeinschaften, die durch sie geschädigt wurden, versuchen, eine Lösung zu finden.

H. Da die totale Ablehnung von Gefängnissen keine weit verbreitete Position ist, werden Anarchist:innen Debatten über andere mögliche Antworten auf die schlimmsten Schadensszenarien organisieren – die kleine Minderheit der Fälle, in denen Menschen wiederholt töten, misshandeln oder andere zu Opfern machen. Ein möglicher Vorschlag ist, die Schlichtung immer mit allen verfügbaren Mitteln zu begünstigen, aber niemals autonome Akte der Selbstverteidigung oder Rache zu delegitimieren, insbesondere in Fällen, in denen eine Versöhnung kein realistisches Ergebnis ist.

I. Besondere Aufmerksamkeit wird allen geschlechtsspezifischen und sexuellen Gewalttaten geschenkt werden, besonders jenen, die unter dem patriarchalen, strafenden Regime, das abgeschafft werden soll, normalisiert wurden. Diejenigen, die sich aktiv gegen diese Gewalt einsetzen, werden geeignete Strukturen und Praktiken vorschlagen, die von den Gemeinschaften übernommen werden können.

14) Sicherheit

Der Staat lebt von der Lüge, dass Sicherheit und Freiheit eine Dichotomie darstellen, zwei Dinge, die in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen, und dass wir beide gleichermaßen opfern müssen, um ein Gleichgewicht zwischen ihnen herzustellen. Da die Sicherheit mit dem Überleben verbunden ist, kann der Staat uns davon überzeugen, dass wir die wenige Freiheit, die wir haben, nicht genießen könnten, wenn wir der Sicherheit keine Priorität einräumen und ihren Schutz nicht akzeptieren würden.

In Wahrheit hängen unser Überleben, unsere Sicherheit und unsere Freiheit alle davon ab, wie gut wir füreinander sorgen können, nicht davon, wie hoch wir Mauern um uns herum bauen. Solange Staaten existieren, und sei es auch nur als Projektion in den Köpfen der Machthungrigen, werden wir uns vor denen verteidigen müssen, die uns unterjochen und ausbeuten würden; manchmal werden wir uns auch vor denen verteidigen müssen, die Schaden verursachen, indem sie die Grenzen anderer nicht erkennen, sich nicht in andere einfühlen oder die Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen nicht erkennen. Wie wir unsere Verteidigung organisieren, kann gefährlich für unsere Freiheit sein. Es ist auch eine Herausforderung, Gefahren und Konflikte in einer Weise zu begreifen, die uns und andere umwandelt, anstatt unsere Gegner:innen als permanente Feind:innen zu fixieren, die wir zerstören müssen.

A. Alle Polizeikräfte werden abgeschafft, und ihre Mitglieder sollten an Versöhnungsprozessen teilnehmen, um den Schaden, den sie verursacht haben, zu beheben. Diejenigen, die sich weigern, können als staatliche Paramilitärs angesehen werden.

B. Gemeinschaften können eine Art Freiwilligendienst schaffen, um sich vor verschiedenen Formen von Aggression oder zwischenmenschlichen Schäden zu schützen. Um jedoch zu verhindern, dass so etwas wie eine Polizeitruppe entsteht, egal welche Form dieser Dienst annimmt, muss er sich eher auf Deeskalation und Versöhnung als auf Bestrafung konzentrieren; er sollte sich darauf konzentrieren, den Rest der Gemeinschaft aufzurufen, sich mit dem Konflikt oder dem Schadensfall auseinanderzusetzen, anstatt die Reaktion zu monopolisieren; und die Teilnehmenden dürfen keine besonderen Privilegien in Bezug auf das Recht auf Gewaltanwendung oder den Zugang zu Waffen haben, die der Rest der Gemeinschaft nicht hat.

C. Die Gemeinschaften werden ermutigt, eine Art Schutzgruppe, Tradition oder Struktur zu schaffen, die speziell darauf ausgerichtet ist, auf geschlechtsspezifische Gewalt in all ihren Formen zu reagieren und damit umzugehen. Sie können sich wünschen, dass sich diese Kraft aus anderen Personen als cis-Männern zusammensetzt.

D. Weil der Staat nicht überall auf einmal abgeschafft wird und weil viele Gemeinschaften mit hierarchischen Werten weiter existieren und versuchen könnten, benachbarte Gemeinschaften ihrem Willen unterzuordnen, kann es notwendig sein, anarchistische Milizen oder andere Kampfeinheiten zu gründen – sowohl um ein freies Territorium zu verteidigen als auch um einen revolutionären Krieg gegen ein staatliches, imperialistisches Territorium zu führen. Um die Begriffe „freie Miliz“ und „revolutionäre Kriegsführung“ zu verdienen, müssen diese mehreren wesentlichen Prinzipien gewidmet sein, die sie von staatlichen Armeen unterscheiden. Es reicht nicht aus, einfach eine rote Fahne anzuheften. Die Kämpfenden müssen Freiwillige sein; sie müssen in der Lage sein, ihre eigenen Führenden und Führungsstrukturen zu wählen. Es darf keine Offiziere mit aristokratischen Privilegien geben. Die Gesamtheit der Truppe muss gemeinsam über akzeptable Maßnahmen der Disziplin entscheiden. Versammlungen, die über die freien Milizen hinausgehen – z.B. die Föderationen der Gemeinschaften, aus denen die Kämpfenden kommen – werden die großen strategischen Ziele und Leitlinien für das humanitäre Verhalten beschließen. Mit anderen Worten, die Milizen dürfen nicht völlig autonom sein: sie sind dazu da, die Bedürfnisse der breiteren Gemeinschaften zu verteidigen, anstatt diese Gemeinschaften zu dominieren oder ihre eigenen Interessen auf einer anderen als der taktischen Ebene zu fördern.

E. Freie Milizen vermeiden die Logik eines territorialen, aggressiven Krieges, bei dem das Ziel darin besteht, einen als Feindesland definierten Raum zu erobern. Das Ziel sollte entweder ein defensiver Krieg sein, bei dem die Gemeinschaften verteidigt und andere vom Angriff abgehalten werden, oder ein revolutionärer Krieg, bei dem Menschen in einer unterdrückenden Gesellschaft unterstützt werden, die für ihre eigene Freiheit kämpfen. Im letzteren Fall muss die Initiative von diesen unterdrückten Menschen ausgehen und darf nicht in erster Linie von den Milizen eines benachbarten Territoriums organisiert werden.

F. Freie Gemeinschaften versuchen nicht, Feind:innen auszuschalten oder zu vernichten. Sie verteidigen ihre Freiheit und Würde und unterstützen andere, die dies tun, und dann versuchen sie, Freund:innen zu finden oder zumindest Frieden zu schließen.

G. Sicherheit ist in einem anarchistischen Rahmen nicht der Schutz der Schwachen durch die Starken, sondern die Ermächtigung und kultivierte Fähigkeit zur Selbstverteidigung aller, wobei denjenigen Vorrang eingeräumt wird, deren geschlechtsspezifische Sozialisierung, Racialisierung oder physische und psychische Unterschiede sie unter den gegenwärtigen repressiven Bedingungen besonders entmachtet haben.

H. Frieden in einem anarchistischen Rahmen ist nicht einfach die Abwesenheit von bewaffneten Konflikten, vor allem, wenn diese Abwesenheit die Duldung von Unterdrückung anzeigt. Frieden ist ein Auswuchs von Glück, Freiheit und Selbstverwirklichung, von dem wir hoffen, dass dieses Programm mehr fördert, als es der Kapitalismus je getan hat, und ein proaktives Bemühen. Anarchist:innen werden die Gemeinschaften ermutigen, sich nicht nur mit ihren unmittelbaren Nachbar:innen, sondern transkontinental zu engagieren und auszutauschen, indem sie kulturelle Bindungen, Affinitäten und Freundschaften auf globaler Ebene teilen und schaffen, um die Eroberungs- und Vernichtungskriege, die Staaten seit Jahrtausenden praktizieren, unvorstellbar zu machen.

15) Organisation und Koordination der Gemeinschaft

Im Gegensatz zur unfreiwilligen Staatsbürgerschaft und zu diktatorischen oder repräsentativen Entscheidungen, die der gesamten Gesellschaft homogenisierende Gesetze auferlegen, stellt der Anarchismus die Prinzipien der freiwilligen Vereinigung und Selbstorganisation auf, d.h. die Menschen sind frei, sich in Gruppen ihrer Wahl zusammenzuschließen, diese Gruppen nach eigenem Gutdünken zu organisieren und ihr Leben täglich unter Beteiligung aller zu ordnen.

A. Jede Gemeinschaft ist autonom und frei, ihre eigenen Angelegenheiten zu organisieren. Jede Gemeinschaft sollte ihre eigenen Methoden und Strukturen der Organisation und des Lebensunterhalts entwickeln.

B. Anarchist:innen fördern Modelle, die dem Wohlergehen Vorrang einräumen und das Wiederaufleben staatlicher Organisation verhindern, einschließlich der Schenkökonomie innerhalb der Gemeinschaften, sowie überlappende, überzählige Organisationsformen, die eine Zentralisierung der Macht verhindern, wie z.B. Kombinationen von föderierten Territorialversammlungen, Arbeitsplatzversammlungen, Infrastrukturorganisationen und Berufs- und Bildungsorganisationen. Das Ziel ist es, die Menschen in einer Vielzahl von Organisationsräumen miteinander zu verbinden. Auf diese Weise können viele verschiedene Organisationsmodelle und Kulturen praktiziert werden, da keines davon neutral oder für alle gleich zugänglich ist; Konflikte werden durch die Vervielfachung der Beziehungen durch zahlreiche organisatorische und territoriale Bindungen vermittelt; und das Entstehen einer politischen Klasse, die in der Manipulation von Versammlungen geübt ist und die in dem entfremdeten Raum der Politik gedeiht, wird entmutigt. Wenn es keinen zentralen Raum gibt, in dem alle Entscheidungen und Autorität legitimiert sind, egal wie partizipatorisch dieser Raum vorgibt zu sein, kann es keine politische Klasse geben. Das ist der Unterschied zwischen Demokratie und Anarchie – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass der Anarchismus sich historisch gegen Sklaverei, Kapitalismus, Patriarchat, Imperialismus und dergleichen gestellt hat, während die Demokratie sich oft auf sie verlassen hat.

C. Um die Rückkehr autoritärer Dynamiken unter dem Deckmantel der Demokratie zu verhindern, täten Anarchist:innen gut daran, Gemeinschaftsprozesse zu erleichtern, indem sie untersuchen, wie formelle und informelle Mechanismen der Entscheidungsfindung die geschlechtsspezifische Macht verteilen und wie wichtig informelle, nicht-legitimierte Räume für die Organisation des täglichen Lebens sind – aber auch indem sie herausfinden, welche informellen Räume die Zentralisierung der Macht ermöglichen, und indem sie untersuchen, wie verschiedene Arten der Organisation, Öffnung und Verbreitung formaler Räume dazu dienen können, die Zentralisierung der Macht zu verhindern, anstatt sie zu erleichtern.

D. In der Regel ist es nur dann akzeptabel, sich in die Angelegenheiten einer Nachbargemeinschaft einzumischen, wenn sie das Bedürfnis ihrer Nächsten nach Freiheit und einem würdigen Überleben nicht respektieren.

E. Wenn eine Gemeinschaft das Bedürfnis ihrer Mitglieder nach Nahrung, Wasser, Unterkunft, Gesundheitsfürsorge und körperlicher Unversehrtheit nicht respektiert, sollten benachbarte Gemeinschaften diesen Mitgliedern Unterstützung und Zuflucht bieten. Die Nachbargemeinschaften können die Bemühungen der unterdrückten oder ausgebeuteten Mitglieder der ersten Gemeinschaft unterstützen, ihre Unterdrückung zu beenden, aber die Befreiung muss immer die Aufgabe derer sein, die am direktesten von der Unterdrückung betroffen sind. Die Gemeinschaften sollten versuchen, es zu vermeiden, sich direkt oder gewaltsam in die Angelegenheiten ihrer Nachbar:innen einzumischen.

F. Die Gemeinschaften sollten sich bemühen, die unvermeidlichen Differenzen, die sie mit ihren Nachbar:innen haben, zu akzeptieren, mit dem Ziel, Beziehungen des Dialogs und des Friedens zu fördern. Im Falle von Gemeinschaften, die die Würde und das Überleben der anderen nicht respektieren, kann es besser sein, eine Mediation zu suchen oder Verbindungen abzubrechen, als zu einem physischen Konflikt zu eskalieren.

G. Viele Gemeinschaften werden das Bedürfnis oder den Wunsch verspüren, sich in größeren Vereinigungen für Fragen der Kultur, der Produktion und des Vertriebs und zur gemeinsamen Nutzung gemeinsamer Ressourcen zusammenzuschließen. Es ist vorzuziehen, freie Verbände oder Vereinigungen zu gründen, die auf lokaler Ebene die Macht behalten, aber auch vielfältige, übergreifende organisatorische Verbindungen schaffen, so dass jede Person in jeder Gemeinschaft Mitglied mehrerer Gruppen ist – z.B. der Koordinierungsstelle zum Schutz einer gemeinsamen Wasserscheide, einer kulturell-sprachlichen Gruppierung, einer wissenschaftlichen Vereinigung und eines Universitätssystems, einer Produzent:innen- und Konsumentenvereinigung zur gemeinsamen Nutzung der Ressourcen und einer territorialen Konföderation. Auf diese Weise hat jede Gemeinschaft ein reicheres Beziehungsgeflecht, und im Falle von Konflikten zerbrechen die Streitigkeiten nicht in zwei kriegerische Seiten, sondern alle sind durch andere Beziehungen miteinander verbunden, so dass es eine Fülle von Vermittelnden und ein allgemeines Interesse an der Erhaltung des Friedens gibt.

16) Der Planet

Der Kapitalismus hat den Planeten an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Es ist nicht genug, den Kapitalismus zu zerstören. Wir müssen auch die kapitalistische, westliche Art, mit dem Land in Beziehung zu treten, zugunsten gesunder, wechselseitiger, öko-zentrischer Beziehungen entwurzeln, und wir müssen alles tun, um den Planeten und alle lebenden Gemeinschaften, die ihn teilen, zu heilen.

A. Es liegt in unserer Verantwortung, dem Planeten zu helfen, zu heilen und das Überleben und den Fortbestand aller lebenden Gemeinschaften zu sichern.

B. Die Gemeinschaften werden sich so gut wie möglich um ihre Territorien kümmern, um die durch den Kapitalismus verursachten Zerstörungen und Verschmutzungen zu beheben, um Arten und Ökosysteme, die in Gefahr sind, zu identifizieren und zu schützen, um die Neugestaltung der Räume zu fördern und sich als Teil des Ökosystems zu begreifen.

C. Gemeinschaften und wissenschaftliche Vereinigungen werden Ressourcen bündeln und Informationen austauschen, um Probleme von globaler Bedeutung zu verfolgen, wie z.B. Treibhausgase, gefährdete Arten, tote Zonen und Plastik-Verschmutzung der Ozeane, Strahlung und andere Formen der Langzeitverschmutzung. Sie werden Ziele setzen und Empfehlungen an bestimmte Gemeinschaften und territoriale Konföderationen aussprechen, um diese Probleme so gründlich und gerecht wie möglich zu lösen.


Glossar

Gemeinschaft

Eine Gemeinschaft ist eine Gruppe von Menschen, die zusammenleben und sich gegenseitig ihr materielles und kulturelles Überleben sichern. Weil Gemeinschaften sich selbst definieren und organisieren, ist es schwierig, ihnen eine spezifische Definition zu geben. In einigen Fällen bezieht sich Gemeinschaft auf die kleinere Gruppe, zwischen 30-150 Personen, die sich für die Organisation der täglichen Angelegenheiten enger abstimmt und dabei die geringe Anzahl und die engen Beziehungen nutzt, um ihre Angelegenheiten reibungslos und horizontal zu entscheiden. In anderen Fällen kann sie sich auch auf die Übergemeinschaft von mehreren, Dutzenden oder sogar Hunderten von Gemeinschaften beziehen, die eine gemeinsame Sprache und Kultur und eine Identifikation mit einem Territorium teilen und die sich häufig in Fragen des Lebensunterhalts, der Infrastruktur, der Bildung und anderen Angelegenheiten koordinieren.

In einigen Fällen beziehen sich lebendige Gemeinschaften im Text nicht ausschließlich auf Menschen, sondern auf alle Lebewesen, die in einem Netz von Beziehungen existieren.

Übermäßiger Reichtum

Die Gemeinschaften sollten selbst entscheiden, was überschüssigen Reichtum oder eine wohlhabende Person ausmacht. Die Absicht dieses Textes ist es jedoch keineswegs, in die Fußstapfen des Linkspopulismus zu treten und unsere Missbilligung auf Milliardär:innen oder gar Millionär:innen zu konzentrieren. Im Gegenteil, wir sind der Meinung, dass die Messlatte viel niedriger angesetzt werden sollte. Um den Reichtum zu bestimmen, schlagen wir vor, dass der Wegweiser dreimal mehr Reichtum als der Durchschnitt in einer bestimmten geographischen Region hat (z.B. diejenigen, die mehr als dreimal so viel verdienen wie der Durchschnittslohn in ihrem Land vor der Abschaffung des Kapitalismus und der Nationalstaaten). Überschüssiger Reichtum nach der Abschaffung des Geldes ist alles, was eine wohlhabende Person besitzt, was für ihr würdiges Überleben nicht notwendig ist, vor allem das, was sie sich früher auffallend vom Durchschnitt abgesetzt hatte.

Manager:innen

Ein:e Manager:in ist jemand, dessen Aufgabe es ist, andere Arbeiter:innen zu überwachen und zu disziplinieren, um ihre Produktivität zu steigern und ihre Ausbeutung zu erleichtern. An jedem Arbeitsplatz können die Menschen entscheiden, ob eine Person vor der Revolution etwas wirklich Nützliches getan hat und ob ein Teil oder die ganze Kategorie ihrer Arbeit abgelöst werden kann.

Rechte

In diesem Dokument verwenden wir den Begriff der Rechte weder auf christliche oder liberale Weise, als eine Reihe von Eigenschaften, die von Gott oder der Natur garantiert werden, noch auf staatliche Weise, als eine Liste von Möglichkeiten, die ein Staat für alle seine Bürger:innen sichern muss. Wir meinen es strikt in einem antiautoritären ethischen Sinn: Dinge, die wir für richtig halten, dass die Menschen sie haben, nehmen oder verteidigen, so sehr, dass wir an ihrer Seite kämpfen würden, um ihnen zu helfen, diese Dinge zu schützen oder zu retten, wenn sie bedroht wären.

Territorium

Wir verstehen Territorium nicht als einen toten, zweidimensionalen Raum, der auf einer Karte abgegrenzt ist, mit Grenzen und einem festen Gebiet. Das Territorium ist die Erde, es ist lebendig, es ist ein Netz von Beziehungen. Der einzige berechtigte Anspruch, den die Menschen auf ein bestimmtes Territorium haben, ist, wenn sie ein Teil dieses Beziehungsgeflechts sind und dazu beitragen, das Netz lebendig zu halten. Da das Gedächtnis ein wichtiger Teil davon ist, ein Territorium zu kennen und zu respektieren, haben Menschen, die eine starke Beziehung zu einem Territorium hatten und von diesem Land vertrieben wurden, immer noch eine Beziehung zu diesem Territorium.

Außerdem bedeutet Territorium Bewegung. Dies ist kein Vorschlag für die Zuteilung gleicher Parzellen an grob austauschbare Gemeinschaften. Jedes Territorium ist spezifisch, und die gesündeste Art, sich mit dem Territorium zu identifizieren, wird sich von Region zu Region ändern. Nomadische oder halbnomadische Lebenswege sind genauso legitim, genauso eng mit dem Territorium verbunden, wie sesshafte (ausgenommen natürlich jene, die auf Privateigentum und Ausbeutung basieren). Dieser Logik folgend, können sich die Ansprüche auf das Territorium überschneiden und tun es auch, wobei verschiedene Gruppen zu verschiedenen Zeitpunkten und auf unterschiedliche Art und Weise verschiedene Aktivitäten im Zusammenhang mit Subsistenz, Spiritualität, Spiel und ähnlichem ausüben.

Übergang

Die einzige Art des Übergangs, auf die in diesem Dokument Bezug genommen wird, beschreibt die Umwandlung der bestehenden kapitalistischen Infrastruktur in die Art von Infrastruktur, die für eine freie Gesellschaft geeignet ist. Es handelt sich einfach um die Erkenntnis, dass es Schwierigkeiten und große Anstrengungen erfordern wird, um die universelle Ernährung, Wohnung und Gesundheitsfürsorge mit Hilfe von Infrastrukturen und produktiven Praktiken, die dem Planeten nicht schaden, zu verwirklichen. Wir denken nicht über irgendeine Art von Übergangszustand nach. Der Staat verschwindet nie, er muss zerstört werden.

Arbeiter:innen

Im Kapitalismus bezeichnen die Arbeiter:innen eine entfremdete Kategorie: Wir sind diejenigen, die unsere Tätigkeit verkaufen, um einen kleinen Teil des Wertes, den wir produzieren, zurückzukaufen. Wir sind diejenigen, die die Arbeit verrichten, die der Gesellschaft das Leben gibt; dennoch ist es wichtig zu betonen, dass wir nicht versuchen, uns mit unserer Entfremdung, der Qualität, die uns zu Arbeiter:innen macht, zu identifizieren, sondern sie abzuschaffen, zumal im Kapitalismus die Arbeit so viele nutzlose oder schädliche Dinge schafft und auf eine Art und Weise organisiert ist, die für unsere Gesundheit eher schrecklich ist. Ex-Arbeiter:innen sind also diejenigen, die unter dem Kapitalismus gezwungen wurden, Arbeiter:innen zu sein, die aber mit der Abschaffung des Kapitalismus die Kategorie der Lohnarbeit und anderer Zwangsarbeit abschaffen. Sie verdienen vielleicht eine besondere Legitimität, wenn es darum geht, die Ressourcen ihres ehemaligen Arbeitsplatzes oder ihrer Industrie zu enteignen; wie alle anderen sind sie bestrebt, die menschliche Tätigkeit umzuwandeln, um Reichtum für alle zu schaffen und die Grenzen zwischen Lernen, Arbeit und Spiel zu verwischen.